Wenn der Wald röhrt: Die Zeit der Hirschbrunft beginnt
Ein beeindruckendes Naturschauspiel im frühen Herbst
Wenn der September beginnt, die Tage langsam kürzer werden und sich die ersten Blätter verfärben, beginnt in unseren Wäldern eine der eindrucksvollsten Zeiten des Jahres: die Brunft der Rothirsche.
Schon aus großer Entfernung kann man sie hören. Tiefe, langgezogene Rufe tragen durch die morgendliche oder abendliche Stille. Das Röhren der Hirsche gehört zu den markantesten Lauten unserer heimischen Wildnis und kündigt eine kurze, aber äußerst intensive Phase im Leben des Rotwildes an.

Röhren, Imponieren und Rivalen auf Abstand halten
Während der Brunft dreht sich für die männlichen Rothirsche vieles um die weiblichen Tiere. Die Hirsche versuchen, Konkurrenten auf Abstand zu halten und ihre eigene Stärke zu demonstrieren.
Dabei spielt das Röhren eine wichtige Rolle. Es dient nicht einfach nur dazu, möglichst viel Lärm im Wald zu veranstalten. Anhand der Rufe können sich rivalisierende Hirsche gegenseitig einschätzen. Hinzu kommen Imponierverhalten, Körperhaltung und die unmittelbare Beobachtung möglicher Konkurrenten.
Nicht jede Begegnung endet deshalb in einem Kampf. Reicht das Imponieren jedoch nicht aus und treffen ähnlich starke Rivalen aufeinander, kann es ernst werden. Dann prallen die Geweihe aufeinander, werden gegeneinander gedrückt und miteinander verhakt. Was aus sicherer Entfernung spektakulär aussieht, ist für die Tiere ein enormer Kraftakt und keineswegs ungefährlich.

Besonders eindrucksvoll in der Morgen und Abenddämmerung
Am intensivsten lässt sich die Brunft häufig in den frühen Morgenstunden und am Abend erleben. Wenn der Wald weitgehend ruhig ist, kann das tiefe Röhren erstaunlich weit tragen.
Manchmal hört man einen Hirsch lange, bevor man ihn überhaupt zu Gesicht bekommt. Gerade das macht den besonderen Reiz aus. Es ist eben kein inszeniertes Schauspiel mit festen Anfangszeiten. Die Tiere bestimmen, was geschieht. Der Mensch ist bestenfalls stiller Beobachter.
Die Brunft findet in Deutschland überwiegend im September und bis in den Oktober hinein statt. Wann sie ihren Höhepunkt erreicht, kann sich regional unterscheiden und unter anderem von Witterung, Lebensraum und den jeweiligen Tieren abhängen.

Für die Hirsche eine enorme Belastung
So beeindruckend die Brunft für uns Menschen ist, für die Hirsche bedeutet sie vor allem Stress und einen enormen Energieverbrauch.
Starke Hirsche sind während dieser Wochen viel unterwegs, halten andere Hirsche im Blick, begleiten weibliche Tiere und investieren viel Kraft in Röhren, Imponierverhalten und mögliche Auseinandersetzungen. Gleichzeitig tritt die Nahrungsaufnahme zeitweise deutlich in den Hintergrund.
Entsprechend können die Tiere während der Brunft erheblich an Gewicht und Energiereserven verlieren. Diese Reserven müssen anschließend wieder aufgebaut werden, bevor der Winter beginnt.

Beobachten ja, stören nein
Wer die Hirschbrunft einmal selbst erlebt hat, vergisst dieses Erlebnis kaum. Gerade deshalb sollte der Respekt vor den Tieren an erster Stelle stehen.
Es braucht weder den Versuch, für ein Foto möglichst nah heranzukommen, noch irgendwelche Störungen, um einen Hirsch zu einer Reaktion zu bewegen. Ein gutes Fernglas oder ein Teleobjektiv leisten wesentlich bessere Dienste als übertriebener Ehrgeiz.
Besucher sollten auf vorgesehenen Wegen und Beobachtungsplätzen bleiben, sich ruhig verhalten und ausreichend Abstand halten. Hunde gehören an die Leine.

Ein Stück Wildnis, das noch geblieben ist
Die Hirschbrunft erinnert jedes Jahr daran, dass unsere Wälder nicht nur Wirtschaftsraum, Freizeitgelände oder Kulisse für den Menschen sind. Sie sind vor allem Lebensraum.
Wenn an einem kühlen Septembermorgen Nebel zwischen den Bäumen liegt und plötzlich das tiefe Röhren eines Rothirsches durch den Wald zieht, bekommt man eine Ahnung davon, wie eindrucksvoll heimische Natur sein kann, wenn man ihr Raum und Ruhe lässt.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Faszination der Hirschbrunft: Man muss nichts inszenieren und nichts hinzufügen. Man muss nur still genug sein, um sie erleben zu können.
Fotos: Mirko Fuchs
